Claudia Miller

"Was man sich (nicht) vorstellen kann"

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Reformierte Kirchgemeinde Frauenkappelen
Kurzandacht Inspiriert u.a. von Joh 16,16 und davon, was Abwesenheit ist...
Für den Sonntag JUBILATE, 3. Mai 2020



Es fühlt sich jedes Mal an wie ein Schlag in die Magengrube, wenn jemand etwas äussert wie: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Abstandhalten bald wieder Vergangenheit ist.“
Jedes Mal ist mir, als würde jemand, der das ausspricht, zu einer Wirklichkeit beitragen, die ich mir weder vorstellen kann noch vorstellen will. Es ist, als würde jedes solche Aussprechen meine eigenen Vorstellungen davon einengen, was wieder sein wird, sein muss, sein könnte.

„Es gibt Zeiten, wo die Zerbrechlichkeit alles Lebenden so offensichtlich ist, dass man jeden Augenblick auf einen Stoss, Sturz oder Bruch zu warten beginnt. [...] Es gibt keine Zukunft der Vergangenheit, weil was sein wird, nicht vorgestellt werden kann, ausser als eine Form der Wiederholung.“*

„Ich kann mir nicht vorstellen, ohne dich zu leben.“
„Genau dieser Satz sagt, dass du es dir vorstellen kannst, ohne mich zu leben.“

Der mir so widersprach, wollte mir nicht die Liebe austreiben. Im Gegenteil: Er will mir (immer wieder geduldig) klarmachen, dass sein Wegbleiben, seine Abwesenheit kein Tod ist – weder seiner noch meiner.
Als Kleinkind lernt man – die einen schmerzlicher als die anderen: Wenn die Mutter weggeht, IST sie trotzdem noch irgendwo. Und meistens kommt sie auch wieder. Das verinnerlicht man so, dass einen später, im Lauf des Lebens, Trennungen wirklich erschüttern und man doch weiterleben kann – anders, aber weiter.


Ich kann mir nicht vorstellen, ohne
Jesus Christus
Kirche und Gemeinde
Gottesdienste
Glauben
zu leben.

Wer würde mir mit der Gegenrede „doch, das kannst du“ Jesus Christus, die Kirche und die Gemeinde, Gottesdienste oder den Glauben austreiben wollen? Analog zu meiner Liebe würde diese Rede bedeuten: Das alles IST, auch im Ausbleiben oder in der Abwesenheit.
Meine und ihre Abwesenheit heute Morgen ist das: Wir sind nicht hier, doch wir sind an einem anderen Ort.

„Nur eine Weile und ihr seht mich nicht mehr und wiederum eine Weile und ihr werdet mich sehen“ (Joh 16,16)

Wenn wir uns vorstellen können, wie unser Leben hier ohne Jesus Christus, ohne Kirche und Gemeinde, ohne Gottesdienste, ist, dann – erhalten wir uns vielleicht unsere Vorstellungskraft, mit der wir uns immer wieder vorstellen können und vor allem auch wollen, wie es IST mit all dem.

„Was betrübst du dich, meine Seele / und bist so unruhig in mir? / Harre auf Gott, denn ich werde ihn wieder preisen / ihn, meine Hilfe und meinen Gott.

Diese lebendige Beunruhigung des Psalmbeters von Ps 42 hat uns in der Passionszeit begleitet. Bleibt in der „Gottesdienstpause“ Zeit, diese lebendige Unruhe als eine Unruhe in Richtung auf Gott hin zu spüren, als ein „Ich kann mir nicht vorstellen, ohne dich zu LEBEN“?

Pfrn. Claudia Miller
Frauenkappelen

* Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer, 159f.



Bereitgestellt: 02.05.2020     Besuche: 35 Monat 
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