Ursula Kündig

Laupener Kirchenfenster

ingetsemani_ostern (Foto: Ursula Kündig)

 

rudolfvonerlach_weihnachten (Foto: Ursula Kündig)

 

In Getsemani
„Und sie kommen an einen Ort, der Getsemani heisst. Und Jesus sagt zu seinen Jüngern: Bleibt hier sitzen, solange ich bete. Und er nahm Petrus und Jakobus und Johannes mit sich, und er begann zu zittern und zu zagen. Und er sagt zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt, bleibt hier und wacht! Und er ging ein paar Schritte weiter, fiel zu Boden und betete, dass, wenn es möglich sei, die Stunde an ihm vorübergehe. Und er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst. Und er kommt zurück und findet sie schlafend…“
Markus 14, 32-37

In einem Garten, dem Paradies, beginnt die biblische Menschheitsgeschichte. Auch Getsemani ist ein Garten mit prächtigen Bäumen. Aber er ist nicht mehr das Paradies. Getsemani ist der Garten unserer Welt: Wunderschön. Doch in dieser schönen Welt gibt es so viele gnadenlose Schicksale. Mensch und Tier leiden entsetzliche Qualen und es geschehen unvorstellbare Gräuel. Wir fragen: Wo ist Gott, von dem die Bibel sagt, dass er Liebe ist?
Wir betrachten unser Getsemani-Fenster: Zuunterst, uns ganz nahe, ein erschöpfter Mensch – Jesus – halb sitzt er, halb kniet er. Demütig bittend streckt er seine rechte Hand nach Beistand und Trost aus. „Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn“, heisst es in der Bibel. Eine dominierende Lichtgestalt füllt die Mitte des Bildes aus. Sie ist nicht „geerdet“, sondern schwebt auf einem weiss-goldenen Wolkenband, welches andeutungsweise das Irdisch-Diesseitige von der himmlischen Jenseitigkeit trennt.
Engel sind nicht wahrnehmbar für unsere Augen. Der Glaskünstler deutet das an mit dem abgewandten Gesicht von Jesus. Da besteht kein Blickkontakt. Auch die drei Jünger oben unter dem Baum können den Engel nicht sehen, sie schlafen ja. Engel sind ein Symbol für Gottes unsichtbare Gegenwart in unserer Welt, welche durch den leuchtend blauen Hintergrund – der Farbe des Himmels – angedeutet wird.
„Ein Engel vom Himmel“ ist vielleicht auch Ihnen schon erschienen: In einem aufmunternden
Wort, einer unerwarteten Handreichung, einem glücklichen Augenblick…?
Menga Ruprecht / April 2016
Ostern
Was am Ostermorgen geschah, hat niemand gesehen. Was uns in den Evangelien erzählt wird, kann nur im Glauben erfasst werden. Der Glaskünstler steht vor der Herausforderung, das Unsichtbare sichtbar zu machen. In der Mitte, im Fensterkreuz, ein Sarkophag – oder ist es ein Altar? Daneben eine Lichtgestalt, ein Engel, wie wir uns eben einen Engel vorstellen. Er sieht uns an, die Haltung seiner Hände deutet an, dass er uns etwas sagen möchte. Sein linker Flügel reicht nach oben über das Bild hinaus. Befreit von aller Erdenschwere entschwebt der Auferstandene in eine andere Welt. Sein Blick geht irgendwohin und seine linke Hand ist bereits ausserhalb des Bildes.
Unten, die beiden schlafenden Kriegsknechte, sie verkörpern die irdische Macht. Der Schild ist gekippt, der Speer angelehnt an einen Baum mit grossen, grünen Blättern, seine Spitze weist ins Leere. Der Stein dahinter bedrückt nicht. Der Rahmen ist mehr als blosse Dekoration, er ist voller Symbole. Ganz oben weist Christus auf die beiden Buchstaben Α und Ω, den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, und damit auf das Wort in der Offenbarung: „Fürchte dich nicht! Ich bin das Α und das Ω, der Erste und der Letzte und der Lebendige; ich war tot und siehe, ich lebe in alle Ewigkeit.“ (Offenbarung 1,17)
Die Sterne links und rechts deuten auf die kosmische Dimension hin, ebenso das Christusmonogramm . In diesen Zeichen verliert alles seine absolute Macht. Gewalt, Brutalität und Tod sind überwunden. – Aber noch gehören Machtstreben, Gier und Schrecken zur irdischen Realität: Wir sehen Marterwerkzeuge im untern Rand: Eine stilisierte Dornenkrone, die Geissel, die der Hand des einen Peinigers entglitten scheint, die Nägel, auf die der andere zeigt, in der Ecke unten die Leiter und weiter oben den Leidenskelch. Es ist aber auch der Kelch des Abendmahls.
Gegenüber – auch in der Bordüre – der Fisch, ein uraltes christliches Erkennungszeichen. Das griechische Wort für Fisch besteht aus den Anfangsbuchstaben des urchristlichen Glaubensbekenntnisses: „Jesus Christus Gottes Sohn Retter“. Leuchtendes Rot der göttlichen Liebe bildet den Hintergrund des ganzen Bildes. Es umfliesst sogar die beiden schlafenden Wächter. Ich höre die Bitte Jesu am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23, 34)
Menga Ruprecht / April 2016
Rudolf von Erlach
FARBFENSTER AN DER NORDSEITE DER KIRCHE
von Adolf Kreuzer, 1843-1915, Glasmaler, Ausbildung in Zürich. 1883 eigene Werkstatt in Zürich. Chorfenster des Bonner Münsters und für mehrere Kirchen in Solothurn und Umgebung. Heraldische Scheiben. Restaurator.
Wie die bernischen Chronisten des 15. Jahrhunderts erzählen, wurde Rudolf von Erlach 1298 geboren und war Bürger von Bern. Wie schon sein Vater wurde er Kastellan (Aufsichtsbeamter)
im Schloss Erlach unter dem Grafen Rudolf von Nidau. Im Jahr 1339, teilweise auf Anstiftung Ludwig IV., des Herzogs von Bayern, 1294–1347 und röm. König 1314–1347, dessen Anerkennung von Bern verweigert wurde, kam gegen Bern eine mächtige Koalition zu Stande. Der Graf von Nidau stand an der Spitze dieses Heers, das aus der Stadt Freiburg im Uechtland und fast dem gesamten Adel der Umgebung bestand.
Rudolf von Erlachs Herz dagegen war bei seiner schwer bedrohten Vaterstadt. „Als der krieg nit wendig werden mochte, da stund nun doch sin herz harhein zu der statt Bern, zu sinem wib und sinen kinden, zu sinen fründen und gesellen.“ Von Erlach trat vor seinen Lehensherrn mit offener Rede und erhielt von ihm die Erlaubnis, in den Reihen seiner Mitbürger zu Kämpfen: „Um einen
Mann minder oder mehr; – ir mögend heim varen und da üwer bestes tun!“
Von Erlach musste erfreut sein darüber und doch fühlte er sich durch diese Geringschätzung verletzt. Er eilte nach Bern, wo er freudig empfangen und als ein bewährter kriegserfahrener Mann sogleich zum Hauptmann erwählt wurde.
Beim belagerten Städtchen Laupen kam es am 21. Juni 1339 zur Schlacht zwischen den Freiburgern mit ihren Verbündeten und den Bernern, die aus der Innerschweiz Unterstützung erhalten hatten. Man sagt, dass Rudolf von Erlach’s Tapferkeit und Geistesgegenwart zum Siege beigetragen habe und er somit zum Retter von Laupen und Bern wurde. Als solcher hochgeehrt, lebte er noch lange Jahre auf seinem Schloss zu Reichenbach, bis 1360 sein leichtsinniger, geldgieriger Schwiegersohn, Jost von Rudenz, ihn eben daselbst ermordete.
H. Nicolet / Februar 2016
Weihnachten
„Und das Wort ward Mensch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, wie sie der einzige Sohn von seinem Vater hat, voll Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1,14)
Unser Weihnachtsfenster liegt gegen Nordost. Von Norden her kommen Kälte und Tod, von Osten Licht und Leben. Den Hintergrund bildet das leuchtende Blau des Himmels, die Farbe für Verlässlichkeit und Harmonie. Überall verstreut begegnet uns das Grün der Hoffnung, der Natur und der Kreativität. Dominierend jedoch wirkt ein leidenschaftliches Rot, die Farbe der Liebe
und der Lebensfreude. Im Vordergrund, auf Tücher und Kissen gebettet, eine junge Frau. Still, zärtlich und versunken beugt sie sich über das Kind in ihrem Arm. Daneben stolz aufgerichtet ein Mann, gestützt auf seinen Wanderstab. Zuversichtlich geht sein Blick in die Ferne. Er ist bereit, für Frau und Kind einzustehen, sie zu begleiten und zu beschützen. Über ihm strahlt der Stern. Von oben, aus leuchtendem Azur, vernehmen wir die Botschaft des Engels: „Fürchtet euch nicht!“ Gottes Verheissung – seine Liebe – ist Mensch geworden. In unsere Welt mit all ihren Widersprüchen, ihren Schönheiten und ihren Leiden, ihren Grausamkeiten und ihrer liebenden Fürsorge wurde ein Kind geboren, das Himmel und Erde verbindet. Es ist der IMMANUEL, der "Gott mit uns". Die Sternzeichen im Rahmen, der das Bild einfasst, weisen auf die kosmisch-umfassende Bedeutung dieses Ereignisses hin.
CUR DEUS HOMO? – Warum wurde Gott Mensch? Das ist die alte und immer neu gestellte Frage der christlichen Theologie. Hildegard von Bingen hat darauf geantwortet: „In der Menschwerdung hat Gott sein tiefstes Geheimnis offenkundig gemacht. Gottes Sohn wurde Mensch, damit der Mensch seine Heimat habe in Gott.“
Menga Ruprecht / April 2016
Bereitgestellt: 24.01.2017